Linde liefert politisches Lehrstück

Politische Entscheidungen sind nie einfach. Zumindest, wenn man sich die Mühe macht, die Argumente für oder gegen etwas sorgfältig zu recherchieren und objektiv abzuwägen. Schnell stößt man dabei an die Grenzen des Machbaren und dem, was wünschenswert wäre. Und Interessenskonflikte müssen mit einer Kompromisslösung beigelegt werden. Die Diskussion um den Erhalt der Linde an der Lechhalde am Vorplatz beim sanierten EWR-Gebäude kann in diesem Sinne als ein politisches Lehrstück gesehen werden.
Da gibt es die Historiker, für die in mittelalterlichen Städten ein Baum nie vorgesehen war und deshalb in der Altstadt von Füssen eine Linde ein Stilbruch wäre. Da gibt es die Touristiker, für die ein Fotomotiv mit der berühmten Spitalkirche nicht durch eine übergroße Linde innerhalb der Sichtachse gestört werden darf. Da gibt es die Menschen mit Behinderung, die gerne barrierefrei vom Spital über die Lechhalde in die Altstadt gehen wollen und die Linde als Hindernis sehen. Da gibt es die Stadtplaner, die den Vorplatz vor dem EWR-Gebäude ohne die lästige Linde gestalten wollen. Da gibt es die Pragmatiker, für die die Linde nur ein Baum von Vielen in der Gegend ist und außerdem noch Verschmutzungen wie Laub und Lindensaft verursacht.  Da gibt es einen Bürgermeister, der anführt, dass angesichts der weltweiten massiven Rodungen ein einzelner Baum nun wirklich nicht zählt. Und da gibt es die Naturschützer, die den Wert eines Baumes unter Erholungs-, Gesundheits- und Klimaschutzaspekten bewerten und für den Erhalt plädieren, ebenso wie ca. 250 Unterzeichnende auf vorgelegten Unterschriftenlisten.
Wie ist zu entscheiden?
Zunächst sollte einmal – was noch kaum in Erwägung gezogen wurde – geprüft werden, ob eine barrierefreie Lösung   m i t   Linde möglich wäre. Das Argument eines baumlosen mittelalterlichen Stadtkerns ist sehr widersprüchlich, denn es gibt in der historischen Altstadt auch Orte mit Baum  (Stadtbrunnen, Drehergasse, Innenhöfe) und auch wenn im Mittelalter keine Bäume in der Stadt gepflanzt wurden, wissen wir heute um deren Wert.  Ob das Fotomotiv mit oder ohne Linde besser ist, kann kaum objektiv beurteilt werden. Vielleicht kann man die Größe der Linde mit entsprechender Beschneidung und richtiger Pflege in den Griff bekommen. Bei der Frage, ob ein einzelner Baum ins Gewicht fällt, drängen sich folgende Beispiele auf: Was ist mit dem einen Stück Papier, das man achtlos auf den Weg wirft? Was ist mit der einen Plastikflasche, die man nicht richtig entsorgt? Was mit einer kleinen Landschaftsfläche, die versiegelt wird?  Die Antwort lautet: Wenn jeder nur in seiner kleinen Welt denkt, führt das in der Gesamtheit zu Fehlentwicklungen, die keiner möchte. Das Argument der Naturschützer ist in diesem Zusammenhang nicht zu unterschätzen. Bleiben noch stadtplanerische Überlegungen. Neben der Barrierefreiheit gibt es noch praktische und ästhetische Überlegungen. Es wird wohl kaum jemand Argumente finden gegen die Wiederverwendung der aus dem Abriss des alten Bahnhofs stammenden Gesteinsquader als Sitzgelegenheit. Und ebenso wenig ist dem zu widersprechen, dass die Linde als Schattenspender dienen kann. Dass hier ein Platz der Begegnung entstehen könnte, kann auch nur im Interesse aller liegen.
Eine politische Entscheidung muss her. Und die kann nur ein Kompromiss sein, mit dem eine Mehrheit leben kann. Gefühlt sind die Stimmen in der Öffentlichkeit mehrheitlich für den Erhalt.
Es gibt eine Unterschriftenliste dafür und bis auf Stadtverwaltung und Bauausschuss nur einige wenige Leserbriefschreiber, die sich dagegen ausgesprochen haben. Wenn die Barrierefreiheit gesichert wird, ist auch die Zustimmung von Menschen mit Behinderung zu erwarten. Es müsste doch möglich sein, einen schönen, barrierefreien Platz m i t  Linde zu gestalten. Ist das Fällen der Linde wirklich alternativlos? Politische Entscheidungen müssen Kompromisse und dürfen keine Einbahnstraße sein!

5 Kommentare zu “Linde liefert politisches Lehrstück

  1. Jürgen Brecht

    Der barrierefreie Weg von Süd nach Nord (von Bürgerspital zum Magnusplatz) ist, wenn ich mich richtig an die Sitzung erinnere, geplant, indem die jetzigen Treppen auf dem Weg ersetzt werden durch eine flache Fläche. Mit einer Steigerung wie sie ungefähr der weitere Weg dort Richtung Norden aufweist.

    Demnach gäbe es gar keinen Zusammenhang zwischen der Linde und der Barrierefreiheit. Es wurde in einem Leserbrief das Fällen der Linde zur Voraussetzung der Barrierefreiheit formuliert. Dem ist meiner Erinnerung nach nicht so.

    Werde ich auf jeden Fall nachlesen, wenn die Niederschrift der Stadtratssitzung veröffentlicht wird.

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  2. Sieber Baerbel

    Zu diesem Thema möchte ich folgendes ausführen. Leute, was ist denn wichtiger? Ein Fotomotiv mit Baum, eine historische Städteplanung oder all die anderen Argumente des Verfassers des Berichtes. Oder der Mensch, seine körperliche Unversehrtheit sowie das Recht an einer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wie es in der Behindertenrechtskonvention zugesichert ist. Ich bin der Meinung, da brauchen wir gar nicht mehr weiter zu diskutieren.

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  3. Edi Englberger

    Gratulation zu diesem Handlungskonzept des gesellschaftlichen Miteinanders!
    Hoffentlich dringt es auch an die Augen und Ohren und idealerweise auch an die Herzen der politisch Verantwortlichen, um uns allen zu ermöglichen, so miteinander umzugehen, dass
    der Kommunikationsfluss zu mehr Vertrauen und Freude am Leben führt!
    Herzlichen Dank für soviel Einfühlungsvermögen!

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  4. Hubert Endhardt

    Immer wieder wird von einem barrierefreien Weg von der Spitalgasse zum Brotmarkt geschrieben und gesprochen. Da wäre es gut, sich mal klarzumachen, welche Anforderungen ein solcher Weg erfüllen müsste: Rampen im öffentlichen Bereich sind immer nach DIN 18040-1 mit max. 6% und ohne Quergefälle auszuführen! Das heißt, nach 6 m mit 6% Gefälle folgt ein Podest mit 1,50 m Länge und weitere 6 m mit 6 %. Nun hätte man immerhin schon einen Höhenunterschied von 72 cm überwunden. Näheres unter: https://nullbarriere.de/rampenlaenge-steigung.htm Ich bezweifle, dass an der Lechhalde ein wirklich barrierefreier Weg mit 1,50 m Breite geschaffen werden kann. Dürfte die Linde wenigstens bis zum Nachweis der Umsetzung nach DIN 18040-1 stehen bleiben.

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    1. Christine Fröhlich Post author

      Danke, Herr Endhardt für Ihre Information. Bezeichnend ist, dass diese Diskusssion um die rechtlichen Anforderungen an eine Barrierefreiheit so nie im Stadtrat diskutiert worden ist. Wenn es so ist, dass die Linde deswegen gefällt werden müsste, wäre noch zu überlegen, ob sozusagen eine „abgespeckte“ Version eines barrierefreien Weges ein Kompromiss wäre oder eine Ersatzpflanzung an geeigneter Stelle.

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